29. September 2026

Unterirdische Verfilmung für die Sicherheit

So kontrollieren die SES-Experten das Stuttgarter Kanalnetz – eine Reportage gibt Einblicke.
Die SES-Experten überprüfen die Kanäle auf der Filderebene.
Die SES-Mitarbeiter überprüfen die Kanäle auf der Filderebene. Foto/Rechte: Fabrice Weichelt/Landeshauptstadt Stuttgart

Wichtige Teile der städtischen Infrastruktur verlaufen im Untergrund. Durch das 1.700 Kilometer lange Kanalnetz wird das Abwasser von mehr als 600.000 Einwohnerinnen und Einwohnern zu den vier Klärwerken der Stadtentwässerung Stuttgart geleitet und gesäubert. Damit das reibungslos funktioniert, wird der Zustand dieser unterirdischen Röhren ständig überprüft. Spezialkameras auf Spezialfahrzeugen verfilmen und fotografieren die Kanäle und bringen Schäden so ans Tageslicht.

Unterwegs mit dem Inspektionsteam

Der Plan für heute steht. Fünf Ziele haben Dirk Grothe und Gabriel Angelino auf der Liste. Der Wagen ist bereit. Kurz nach halb sieben Uhr morgens starten die beiden Inspekteure der SES mit ihrem Kamerawagen in der Rosensteinstraße 41, dem Kanalbetriebshof. Am Ende des Tages werden sie mit der Spezialkamera mehrere hundert Meter Abwasserkanäle befahren, gefilmt und auf Schäden untersucht haben. Die zwei Inspekteure sind Teil eines 14-köpfigen Teams, das sich laufend um die Überprüfung des Stuttgarter Kanalnetzes kümmert. Kanäle zu kontrollieren gehört zu den Kernaufgaben des städtischen Eigenbetriebs mit seinen insgesamt 380 Mitarbeitern: Misch- und Schmutzwasserkanäle müssen alle zehn, Regenwasserkanäle alle 15 Jahre auf Schäden hin untersucht werden. Das schreibt die Eigenkontrollverordnung Baden-Württemberg vor. Die SES hat dafür fünf Inspektionsfahrzeuge sowie neun Spülwagen im Einsatz. In Stuttgart wurde die erste Routine 1991 gefahren. 2021 startete die vierte Erkundung des gesamten Kanalnetzes. Etwa die Hälfte der Kanäle ist bereits gescannt. Damit liegt Stuttgart bundesweit vorne bei Städten dieser Größe. München etwa hat die erste Routine erst 2013 abgeschlossen. Am Nesenbach war man da schon mitten in der dritten Runde.

Erst spülen, dann Fotoaufnahmen

Grothe und Angelino sind ein festes Gespann auf einem der insgesamt zwei Kanalkamerawagen der SES. Kollege Ilias Asmanidis fährt mit seinem Laster hinterher: Bei ihm ist die Schachtkamera installiert. Die Kollegen mit dem Spüllaster sind bereits unterwegs. Telefonisch stimmt man sich noch einmal kurz ab: „Wie lange braucht ihr? Sollen wir schon anfangen?“ Zunächst geht es auf die Filder. Auf einem Feldweg in der Nähe des Messeparkhauses müssen Schächte und Kanäle kontrolliert werden. Die so genannte Haltung – der Kanalabschnitt von einem zum nächsten Schacht – ist 200 Meter lang. Zuerst muss der Spülwagen ran: Nur ein sauberer Kanal kann befahren werden, sonst würde der Kamerawagen leicht hängen bleiben. Auch die Bildqualität wäre viel schlechter. An diesem Morgen hat der Spüllaster acht Kubikmeter Frischwasser aufgenommen. Erst werden der Schachtrand und der Deckel mit einem dünnen Schlauch sauber gespritzt. Dann kommt der große Schlauch zum Einsatz. Mit einem Druck von 180 bar wird der Wasserstrahl durch den Kanal gejagt, wieder eingesaugt und im Spülwagen im integrierten Reinigungssystem für den nächsten Einsatz aufbereitet. Nach einer guten Viertelstunde ist der Spülwagen fertig. Dann ist Ilias Asmanidis an der Reihe. Er fährt seinen Transporter mit der Schachtkamera heran, lupft den Deckel, den die Kollegen aus Sicherheitsgründen wieder eingesetzt haben, erneut weg und bringt den Schwenkkopf mit der Schachtkamera in Stellung. Wie ein Ufo sieht das Gerät aus, das gleich den 4,20 Meter tiefen Schacht rundum in ein Blitzlichtgewitter tauchen wird. Alle fünf Sekunden wird ringsum fotografiert und daraus später ein Gesamtbild generiert, auf dem Risse oder Abplatzungen zu sehen sind. Alles wird penibel protokolliert.

Mit der Kamera in den Kanal

Nach Asmanidis sind Grothe und Angelino mit ihrer Kanalkamera an der Reihe. Der lenkbare Fahrwagen, den Grothe vom Innenraum des Lieferwagens aus steuert, hat zwei Antriebe und einen um 360 Grad drehbaren Schwenkkopf. Damit lassen sich kleine Kanäle mit 20 Zentimetern Durchmesser ebenso vermessen wie große mit bis zu zwei Metern Durchmesser. Asmanidis steht hinten am Fahrzeug, lässt den Kamerawagen durch den Schacht ab, setzt ihn in den Kanal und passt auf, dass das Zugseil sich nicht verheddert. Inspekteur Grothe steuert Kamerawagen sowie Kamera und protokolliert, was er sieht. Film und Fotos werden später von Tiefbauingenieuren bewertet und der Zustand in fünf Klassen von „sehr schlecht“ bis „gut“ eingeteilt. Zwei Drittel des Netzes sind laut SES beschädigt, nur fünf Prozent fallen in die schlechteste Klasse und werden deshalb als erstes repariert oder erneuert – „mit 30 Millionen Euro pro Jahr eine aufwendige und kostenintensive Daueraufgabe zum Erhalt der Infrastruktur“, sagt Christian Buch, der zuständige Abteilungsleiter bei der SES.

Den Kanal auf den Fildern „kenne ich persönlich“, sagt Grothe und lacht. Kein Wunder: seit 30 Jahren ist er dabei, auch diesen Kanal hat er schon einmal befahren – da gab es weder Messe noch Parkhaus, nur Felder. „Die meisten Schäden sind bei den Anschlüssen oder den Muffen“, die die Rohre verbinden, so Grothe. Einer der ältesten Kanäle in Stuttgart befindet sich in der Königstraße und stammt aus dem Jahr 1870. Wie knapp fünf Prozent des Stuttgarter Netzes ist auch dieser ein gemauerter Kanal, mit zwei, manchmal auch drei Mauerreihen, aufwendig verfugt. „Meiner Meinung nach waren das Künstler damals“, sagt Grothe. Auch Steinzeug-Kanäle wie der auf der Filder an diesem Morgen gelten wegen ihrer Säurebeständigkeit als robust. Die 200 Meter lange Haltung ist denn auch in einem ordentlichen Zustand. Die Teams packen zusammen und ziehen weiter. Das restliche Kanalnetz wartet schon.

Diese Reportage stammt von Carola Fuchs und wurde am 17. September 2026 in ähnlicher Form im Stuttgarter Amtsblatt veröffentlicht.

Impressionen der Kanalinspektion

Bildnachweis für alle Fotos: Fotos/Rechte: Fabrice Weichelt/Landeshauptstadt Stuttgart